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Namika

"Que Walou"

31.05.2018

 

Mit ihrem neuen Album „Que Walou“ hat die Frankfurter Rapperin, Songschreiberin und Sängerin Namika endgültig alle Genregrenzen hinter sich gelassen. Mit dem Nachfolger des Gold-Albums „Nador“ gelingt ihr ein hypermodernes Pop-Narrativ, das seine Kraft aus der Hip-Hop-Sozialisation der Protagonistin bezieht. Ein Album über Selbstbehauptung, Identität und die verdammte Suche nach dem Glück – Namika legt mit „Que Walou“ ihr Herz auf den Tisch. Wir leben in einer popkulturellen Zeit, in der Genrebegriffe ebenso an Bedeutung verloren haben wie Herkunft. Hip-Hop ist zur global wichtigsten Jugendsprache geworden und hat eine noch exponiertere Stellung als zu seiner ersten genreübergreifenden Blütezeit in den Neunzigern. Damit einher geht eine interessante stilistische Öffnung in alle Richtungen, von der die Musik profitiert. Was allerdings lange fehlte, zumindest in Deutschland, waren Künstlerinnen und Künstler, die diese neue Offenheit allumfassend verinnerlicht hatten. Das kosmopolitische Allround-Talent Namika ist so eine Künstlerin. Geboren und aufgewachsen in Frankfurt, war Hip-Hop für Namika von Anfang an die wesentliche musikalische Inspirationsquelle. „Die jüngste Schwester meiner Mutter kannte sich extrem gut aus und hat immer die besten Platten mitgebracht“, sagt Namika. Als sie ungefähr neun war, begann sie zu rappen: „Das war eher spielerisch. Mein Cousin und ich waren gleich alt und verbrachten viel Zeit bei unseren Grosseltern. Dort haben wir abwechselnd gebeatboxt und gerappt.“ Viele Jahre später kann Namika rappen wie der Teufel und kennt alle Codes, bedient aber nur bedingt die in Deutschland üblichen Hip-Hop- Klischees von Straße und Milieu, von denen sich der interessantere Teil der amerikanischen Konkurrenz längst emanzipiert hat. Ihr erstes Album ist Missy Elliotts „This Is Not A Test“, Elliotts Art, Rap und Gesang zu mischen, fasziniert sie; es ist jedoch nicht einfach, Namikas konzeptuellen Anatz anhand von Vorbildern zu erklären. Sie hat ein ausgefeiltes Gespür für Melodien und ist eine fantastische Sängerin, aber mit der hierzulande gängigen Pop-Definition wird man ihr ebenfalls nicht gerecht. Namika entzieht sich den üblichen Kategorisierungen, das macht sie so interessant. Was sie wollte und was nicht, wusste Namika schon früh: Bereits als Teenager hatte sie ein eigenes Home-Studio, rappte auf Hip-Hop-Jams und nahm ein selbstfinanziertes Mixtape auf. Auf ihrem 2015 erschienenen Debüt „Nador“, der Titel ist der Heimatstadt ihrer marokkanischen Eltern entlehnt, deutete die Musikerin ihr enormes Talent dann erstmals auf breiter Ebene an. Die erste „Nador“-Single „Lieblingsmensch“ stand wochenlang an der Spitze der Charts, das Album wurde mit Gold ausgezeichnet, es gab Nominierungen und Auszeichnungen bei sämtlichen wichtigen Preisverleihungen. Namikas neues, abermals mit dem Berliner Produzententeam Beatgees aufgenommenes Album „Que Walou“ ist nun die logische Fortsetzung von „Nador“ – und zugleich dessen konsequente Weiterentwicklung. Namika ist durch die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre künstlerisch gereift und bringt ihr Anliegen noch deutlicher auf den Punkt. „Nador‘ und das neue Album sind vom Titel her wie auch inhaltlich Geschwister“, sagt sie. „Wegen der marokkanischen Bezüge, aber auch, weil es zwei Kapitel meines Lebens sind. Ich wollte zeitlose Musik machen, die dennoch den Nerv der Zeit trifft. Es ging nicht darum, auf irgendeinen Zug aufzuspringen, der gerade heiss am Laufen ist.“ Das ist ihr gelungen: „Que Walou“ ist eine Redewendung aus dem in Zentralmarokko geläufigen Berberdialekt Tamazight und bedeutet - übersetzt und abhängig vom Kontext - entweder „wie nichts“ oder „für nichts“. Genau so klingt das Album nun auch: Leicht, bouncy, scheinbar mühelos. Das wichtigste Merkmal aller grossen Kunst hat Namika verinnerlicht: man darf ihr die viele Arbeit nicht anhören, die in ihr steckt. Das Album beginnt mit dem Titelsong und der wiederum mit einem Klavier, das durch einen Filter wie aus einer anderen Zeit zu uns dringt. Dann beginnt Namika zu rappen, in dreieinhalb Minuten erzählt sie ihr ganzes Leben, das in Teilen ein prekäres war. Es geht natürlich auch um die alte Pop-Sehnsucht: Raus aus den Verhältnissen, rein in ein besseres Leben. „Mae-yemmi que walou? / Mae-yaemmo ighaneqim / Ouaeren sekoue walou?”, singt Namika im Refrain. „Wieso wie für nichts? / Sollen wir etwa so verweilen / Und für immer wertlos bleiben?“ Es geht darum, sich nicht mit der Situation zufriedenzugeben, und trotzdem den Moment zu schätzen. Am Ende des Songs ist sie eine alte Frau, die stolz zurückblickt. „Que Walou“ ist einer von insgesamt drei Songs auf diesem Album, die noch deutlicher als andere autobiografisch aus Namikas Leben erzählen, und so gewissermassen den emotionalen und inhaltlichen Rahmen setzen. Neben „Hände“, einer Hommage an ihre Grossmutter, gilt das außerdem für „Ahmed“, das vielleicht ergreifendste Lied auf „Que Walou“. Besagter Ahmed – Namikas Vater – hat die Familie früh verlassen. Vor einigen Jahren ist er nach einer Haftstrafe verstorben, kennengelernt hat Namika ihren Vater nie. Aus einer sehr persönlichen Perspektive geht es hier also um die hochaktuelle Frage nach Identität. Indem Namika in „Ahmed“ ihre eigene Geschichte teilt, erzählt sie gleichzeitig eine vom Elend der vaterlosen Gesellschaft, von Entwurzelung und vom eigenen Umgang mit interfamiliären Problemen. Woher komme ich, wer bin ich, wo will ich hin? In Frankfurt ist Namika geboren und aufgewachsen, dort hat sie ihr ganzes Leben verbracht. Insbesondere als junges Mädchen hat sie aber auch die Heimat ihrer Eltern gut kennengelernt und war oft in Marokko. Namika sagt, sie fühle sich genauso deutsch wie marokkanisch, aber eigentlich sei das auch egal: Heimat ist da, wo Familie und Freunde sind. Das besondere an Namika ist nun dieser funkensprühende Optimismus, mit dem sie auch tiefgründige Momente mit einer ansteckenden Wärme erfüllt. Sie zieht uns in ihre Welt, bei dieser Frau will man immer gleich mit – und sie findet die richtigen Bilder: Die „Parkbank“ im gleichnamigen „Que Walou“-Song ist offen, tolerant, nachsichtig – und wird bei Namika zur Metapher für einen besonders loyalen Freund. Musik ist eine universelle Sprache, und auf diese Art von Verständnis kommt es Namika an. Da ist es dann auch nicht so schlimm, wenn sie kein Wort von dem versteht, was der nette Typ am Strand ihr in der ersten Single aus „Que Walou“, „Je ne parles pas français“, erzählt, weil er nun mal Französisch spricht und Namika nicht. Es klingt halt so charmant und die Ausstrahlung stimmt – Gefühl ist manchmal wichtiger als Logik. Dazu passt es, wenn Namika in „Alles was zählt“ von der Unsinnigkeit des Versuchs, den Sinn des Lebens über Zahlen begreifen zu wollen, singt, „Roboterliebe“ als Zivilisationskritik in digitalen Zeiten formuliert oder in „Ich will dich vermissen“ die Wichtigkeit betont, sich in der Zweierbeziehung einen Rest Mysterium zu erhalten. Namika nähert sich diesen Themen aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen musikalischen Farben. Soul, arabische Harmonien, HipHop, Songwriterkunst, Pop: alles fliesst auf diesem Album zusammen. Der Song „Liebe Liebe“ handelt von der Sehnsucht nach dem einen Menschen, aber durch einen kleinen Kunstgriff – Namika schreibt „der Liebe“ eine SMS – umgeht sie jeden Kitsch. Die grösste Liebe für Namika ist ohnehin die zur Musik: Demnächst geht es mit ihrer fantastischen Band wieder auf die Strasse. Und auch über diesen grössten aller Momente, nämlich den auf der Bühne, wenn das Adrenalin fast überschwappt und alles miteinander verschmilzt, hat sie ein Lied geschrieben: Der mitreissende Party-Stomper heißt „Zirkus“ und vermittelt bereits eine deutliche Ahnung dessen, was uns auf der anstehenden Tournee erwartet. „Que Walou“ ist ein Album über die Liebe und das Leben, über die Suche nach Identität und die verdammte Sehnsucht nach dem Glück. Ein Akt der Selbstbehauptung – nicht zuletzt durch die Selbstverständlichkeit, mit der Namika zu Werke geht. Sie weiss natürlich, dass sie in Deutschland als gleichermassen gut rappende und singende Pop-Frau nahezu alleine dasteht. Aber aus ihrer Weigerung, diesen Umstand besonders zu betonen, erwächst eine souveräne emanzipatorische Haltung. „Die Leute sollten Künstler einfach ganz natürlich machen lassen und nicht ständig irgendwelche Unterschiede betonen“, sagt sie, „dann brauchen wir irgendwann auch nicht mehr darüber zu reden, dass es so wenig Frauen im Game gibt.“ Diese Philosophie lebt Namika. Vielleicht gibt es genau aus diesem Grund niemanden, mit dem man sie vergleichen könnte. Sie ist ihr eigenes System.

 

Sieh dir das Video zu "Que Walou" gleich hier an: 

 

 

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