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Biographie

Seit Jahr und Tag kennt man Sänger, Songwriter, Musiker, Produzent und Arrangeur Raphael Saadiq als einen Zeitgenossen, der unberirrt die Fahne hochhält für das, was man gemeinhin Old-School-Musik nennt. Als Musiker, dessen Schaffen zu jeder Zeit nachgewiesenermassen auch den (Erfolgs-)Kriterien des Hier und Jetzt standgehalten hat, führt er eine hochgeschätzte Tradition fortführt, die sich bis in den Sechziger und Siebziger Jahre zurückverfolgen lässt. Seit seinen Musikbusiness-Anfangstagen in den Achtzigern als Mitglied der Genre-prägenden Formation Tony! Toni! Toné! bis hin zu seinen Arbeiten als preisgekrönter Produzent von Künstlern wie Joss Stone, The Roots, Snoop Dogg, John Legend sowie nicht zuletzt mit seinen eigenen Solo-Alben blieb Saadiq seiner Linie stets treu. "Jede Platte, die ich in meinem Leben gemacht habe, hatte diese Einflüse: The Temptations, Al Green, The Four Tops usw.", erklärt Saadiq, der in seinem Studio in Los Angeles mit "The Way I See It" ein in jeglicher Hinsicht Aufsehen erregendes Album schuf. "Es ist die Essenz meiner lebenslangen Erfahrungen, die ich mit der Musik gemacht habe, mit der ich aufgewachsen bin", erläutert er.
In gewisser Art und Weise könnte "The Way I See It" auch schon dreissig Jahre auf dem Buckel haben. Musikalisch von beeindruckender Geschlossenheit, wie Soul-Alben zu jener Zeit angeleget waren, ist Raphaels drittes Solo-Album (sein Debüt für Sony Music) dennoch weit mehr als pure Vergangenheitsbewältigung: Das Dutzend Songs steht den Produktionen, die in den vergangenen Dekaden von den Big-Name-R&B-Hitmachern in Detroit, Chicago, Memphis, Miami oder New York aufgenommen wurden, in Nichts nach. Doch während viele seiner Kollegen versuchen, den Sound und das Flair der Soulmusik der Seventies nachzuahmen, bringt Raphael Saadiq sowohl das richtige Gefühl als auch die Produktionsskills mit, die Sache richtig zu machen.
Die Inspiration für Saadiqs Follow-Up zum hochgelobten "Ray Ray" aus dem Jahre 2004 hatte einen durchaus ungewöhnlichen Ursprung. "Ich machte Urlaub in Costa Rica und den Bahamas, um zu entspannen. Ich ging surfen und begegnete Menschen aus der ganzen Welt? und mir fiel auf, dass alle klassischen Soul hörten", erinnert er sich. "Als ich wieder nach Hause kam, materialisierte sich die Musik für dieses Album fast von alleine. Und weil ich mein eigenes Studio habe, war ich in der Lage, mir alle Zeit der Welt zu nehmen, um die Produktion perfekt zu machen. Ich lebte sozusagen mit dem Album, Tag für Tag, und das hatte großen Einfluss darauf, wie das Endergebnis geworden ist. Insgesamt arbeitete ich vier Monate daran."
Das Resultat: "The Way I See It" verfügt über einen musikalischen Flow, den man normalerweise ausschließlich mit Werken von Produktions-Pionieren berühmter R&B-Labels wie Motown, Invictus und Brunswick assoziiert. Vom Fuß-wippenden Opener "Sure Hope You Mean It" zum Kopf- nickenden, ruhigen Abschlusssong "Sometimes" hat Saadiq eine zeitgemäße Ode an eine längst vergangene Ära kreiert. "Der erste Track zeigt meine tiefe Verbundenheit mit den Temptations", erklärt er. "Der Gesang hat ein David-Ruffin-Feeling: Ich versuchte, mit vorzustellen, wie es wohl gewesen sein mag, als Eddie Kendricks, Paul Williams und die anderen Temptation-Jungs erstmals an die Weltöffentlichkeit traten. Ich schaute mir oft ihre Albumcover an, um in die einzelnen Charaktere eintauchen zu können. Das Stück ist für mich klassischer Motown mit integrierter Stax-Gitarren-Linie? es ist also wie ein Schmelztiegel aus den beiden Sounds."
Treue Tony! Toni! Toné!-Fans werden insbesondere von "100 Yard Dash" angetan sein, laut Raphael ein "?Juke Joint / Booker T.-artiger Groove'. Ich dachte an die Tage des ersten T!T!T!-Albums zurück, als ich in meiner hohen Tenor-Stimmlage sang." Britische R&B-Fans - und darunter speziell die Northern-Soul-Liebhaber - werden derweil ihre Freude an "Keep Marchin'" haben. "Das ist jene Art von Song, bei dem die Leute bei meinen Konzerten völlig ausflippen? es ist ein Stück, das unbedingt live gespielt werden muss." Angesichts der großen Wertschätzung, die authentischer Soul v.a. in Großbritannien genießt, freut sich Saadiq auf seine Auftritte jenseits des Atlantiks: "Ich kann es nicht erwarten, die Songs des neuen Albums live in Europa zu spielen!"
Apropos Briten und Old-School-R&B: Als Special Guest ist Grammy-Preisträgerin Joss Stone auf dem Smokey-Robinson-esken Song "Just One Kiss" zu hören, das Erinnerungen an den Temptations-Evergreen "Just My Imagination" weckt. Mit der jungen Engländerin hatte Saadiq bereits an ihrem 2007er-Album "Introducing Joss Stone" gearbeitet. "Der Track erinnert mich an den Soul der frühen Siebziger. Joss davon zu überzeugen, den Song zu singen, war nicht besonders schwer - sie ist ja ein großer Bewunderer der Klassiker."
Und genau jene Liebe war es auch, das unter einer Generation von Konzertbesuchern und Plattenkäufern lateinamerikanischer Herkunft ein treues Publikum für traditionellen Soul entstehen ließ. Das Stück "Callin'" enthält einige Zeilen in spanischer Sprache und ist mit seinem Doo-Wop-Flair ein "Abstecher in die Musik der Fünfziger. Die Leute reden immer über die Trennung zwischen Latinos und Schwarzen, aber wir sind alle zusammen aufgewachsen und haben die gleiche Musik gehört. Dieser Song soll daran erinnern, wie es ist, wenn wir zusammen kommen?"
Für das schicke Dancefloor-Juwel "Staying In Love" greift Saadiq ganz tief in die Hot Wax/Invictus-Kiste, wo die Holland-Dozier-Holland-Meisterwerke made in Detroit schlummern (u.a. Freda Payne und The Honeycone). "Mich erinnert das Stück an eine Jackson-5-Platte", sagt Saadiq, "mit dieser James-Jamerson-Bassline, das ist die Art von Energie, die die Leute an Motown-Tracks so lieben." Und der Text? "Ich schrieb den Song in Gedenken an meine Ex? einiges davon ist ausgedacht, einiges davon stammt tatsächlich aus meinem Leben!" Den Text zum catchy "Let's Talk A Walk" (Anfangszeile: "This place is crowded/Don't know bout' you/I need some sex/Some sex with you?") möchte er allerdings nicht weiter kommentieren: "Das erklärt sich von selbst."
Genauso selbstverständlich ist auch die Tatsache, dass Raphael Saadiq ein Album machen würde, dass sowohl die Old-School-Fraktion als auch den ultrahippen Latest-Shit-Käufer zufrieden stellt. Sein Werdegang als Musiker, Sänger und Songschreiber ist untrennbar mit der Liebe zum R&B verbunden, der lediglich vom Wunsch übertroffen wird, seine völlig eigene Version expressiver Soulmusik zu produzieren. Geboren und aufgewachsen in Oakland/Kalifornien, lernte er bereits im Alter von sechs Jahren Gitarre-, Schlagzeug und Bassspielen, wobei letzteres sein erklärtes Lieblingsinstrument wurde. Im Alter von neun Jahren sang er bereits in einer professionellen Gospel-Gruppe, seine musikalische Ausbildung umfasste klassische Musik, Spirituals der Vierziger, Kirchenlieder, Jazz und - natürlich - R&B. Kurz nach Beendigung der High School erhielt er die Chance, Prince und Sheila E. 1984 auf deren "Parade"-Welttour zu begleiten.
Als Leadsänger und Bassist der Spätachtziger/Frühneunziger-Formation Tony! Toni! Toné! erfuhr Saadiq erstmals, was Mega-Erfolg bedeutet. Los ging es 1988 mit der Hitsingle "Little Walter", später folgten u.a. der Slow-Jam-Klassiker "It Never Rains (In Southern California)" und der Danceparty-Smash "Feel Good". Bis heute verkauften sich die Tonträger der Band mehr als sechs Millionen Mal.
Nachdem er die Band verlassen hatte, veröffentlichte Saadiq zwei Singles für erfolgreiche Filme (1995 "Ask Of You" aus "Higher Learning" und "Me & You" aus "Boyz In The Hood"). 2000 gründete er zusammen mit En-Vogue-Sängerin Dawn Robinson und Ali Shaheed Muhammad von A Tribe Called Quest die Supergroup Lucy Pearl. Das selbst betitelte, einzige Album der drei Musiker erhielt Grammy-, American Music Awards- und Soul Train Music Awards-Nominierungen.
Es folgten Produktions-Tätigkeiten für Künstler wie Macy Gray, TLC und The Roots. Im Jahr 2000 wurde Saadiq mit einem Grammy für den Song "Untitled" vom D'Angelo-Album "Voodoo" ausgezeichnet. 2002 veröffentlichte er sein mit Spannung erwartetes erstes Solo-Album. Das auf seinem eigenen Label Pookie Entertainment veröffentlichte "Instant Vintage" schrieb Musikgeschichte: Es war der erste Independent-Longplayer mit fünf Grammy-Nominierungen.

2003 erschien die Live-CD "All Hits At The House Of Blues", gefolgt von "Ray Ray" ein Jahr später. Mittlerweile findet sich der Name des gefragten Produzenten, Songschreibers und Musikers in den Album- und Song-Credits von Künstlern wie Whitney Houston, Mary J. Blige, Anthony Hamilton, Devin the Dude, Kelis, Q-Tip, Lil' Skeeter, Ludacris, The Bee Gees, Nappy Roots, T-Boz von TLC, Young Bellz und Earth, Wind & Fire. 2006 war er der Hauptproduzent des Albums "Introducing Joss Stone", für das er sieben Songs mitschrieb.
Vier Jahre nach seinem letzten Album erscheint mit "The Way I See It" nun eine meisterhafte Song-Sammlung, mit der Raphael Saadiq seine große Liebe zum Rhythm And Blues manifestiert. "Als ich das Album aufnahm, schaute ich mir Videos von Knight & The Pips, Al Green und den Four Tops an? und brachte sie alle zusammen", erläutert Saadiq.
Einer der auffälligsten Songs des Album ist ohne Zweifel "Oh Girl" (nicht der Chi-Lites-Klassiker sondern eine gleichnamige Saadiq-Komposition), bei dem man sofort an legendäre Soul-Gesangsformationen wie The Delfonics und The Stylistics denken muss. "Ich liebe die Balladen dieser Gruppen, sie zählen zu meinen absoluten Lieblingsliedern. Beim Hören frage ich mich immer, wo dieser Sound nur herkam. ?Oh Girl' ist jene Art Slow Jam, die Quentin Tarantino in seinen Filmen verwendet?" Ein anderer Filmemacher gab den Anstoß für das aufgedrehte "Big Easy", das ganz unüberhörbar von der Musik New Orleans' beeinflusst ist. "Ich schaute mir Spikes DVD über die Katrina-Katastrophe an und wie die Menschen z.T. drei Tage lang im Wasser ausharren mussten, Wahnsinn?"
Wenn es um das hypnotische "Love That Girl" geht, muss Raphael grinsen: "Mann, in dem Stück geht es um den 'Swing'? wie die Mädels ihre Hüften bewegen! Es ist jene Art Song, der die Leute zum Tanzen bringt und der Shuffle-Beat erinnert mich an die Frauen, die ich in der Kirche trommeln gesehen habe." Basierend auf einem typischen Motown-Tamburin-Beat ist "Never Give Up" das, was Raphael "meinen Drei-Generationen-Song" nennt. "Da ist zum einen C.J., ein Youngster aus Baltimore, mit dem ich arbeite, mit von der Partie, außerdem Stevie Wonder. Als wir gerade am ersten Track arbeiteten, gab es eine Stelle wo wir sagten 'Please invite Mr. Stevie Wonder to my album' in der Art, wie es Stevie mit Dizzy Gillespie auf einer seiner Platten gemacht hat. Ursprünglich war Stevie gar nicht mit dabei aber ich hatte das Gefühl, er sollte es sein. Letzten Endes rief ich ihn an und er kam innerhalb einer Stunde in mein Studio! Ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, dass ich mit Stevie Wonder befreundet bin."
"The Way I See It" endet passenderweise mit dem Sam-Cooke-inspirierten "Sometimes". "Es erzählt die Geschichte meiner Mutter und meiner Großmutter, die immer eine große Inspiration für mich waren. Das Album damit zu beschließen, erschien mir angemessen."
"Unter dem Strich", sagt Raphael Saadiq (der in letzter Zeit u.a. mit Keisha Cole, Snoop Dogg, The Grouch und Dave Young arbeitete), "war dieses Album schwieriger zu machen als ?Instant Vintage'. Als ich mich erst einmal hineingefunden hatte, blieb ich fast in meiner Rolle hängen - die Rolle der Old-School-Sänger, die ich hörte. Aber jetzt bin ich glücklich und begeistert, dass es fertig ist. Ich habe eine Menge Arbeit in das Album gesteckt und ich habe das Gefühl, dass etwas wirklich Großartiges dabei herausgekommen ist." Oder wie der erfahrene R&B-Historiker und -Experte David Nathan (Soul Music.com) sagte: "Raphael Saadiqs jüngstes Album kommt dem, was man unter einer Feel-Good-R&B-Platte versteht, näher, als alles, was ich seit den Siebziger Jahren gehört habe! Im Gegensatz zu denjenigen, die schlicht kopieren oder den Soulsound von damals nachahmen, ist ?The Way I See It' ganz einfach The Real Thing."
Dem ist nichts hinzu zu fügen.
01/2009

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