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Biographie

Massenerfolg in der Popmusik bedeutet zumeist eine Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Vielseitigkeit ist da eher hinderlich. Möglicherweise ist dies Nina Simone gar nicht bewusst gewesen. Denn die als Eunice Waymon am 21. Februar 1933 als Tochter einer Predigerin in Tryon im US-Bundesstaat North Carolina geborene Pianistin und Sängerin hat in ihrer inzwischen mehr als 40-jährigen Karriere absolut überzeugende Platten im Soul, Blues, Pop, Folk und Jazz vorgelegt und sich dennoch - oder gerade deswegen - jederzeit als eigenständige Künstlerin präsentiert, denn ihre tiefe Stimme und ihr ausdrucksvoller, intensiver Gesang sowie ihr virtuoses Klavierspiel brauchten keinen bestimmten Stil, um zu überzeugen. Schon als kleines Kind hatte sie angefangen, Klavier zu spielen und begleitete früh ihre Mutter in der Kirche. Ihre Fähigkeit, Melodien sofort nachzuspielen, machte aus ihr eine Art Wunderkind. Doch da hören die Gemeinsamkeiten mit der Masse der schwarzen Musiker schon auf, denn Eunice sah ihre Zukunft nicht etwa in den schwarzen Clubs, sondern auf der Konzertbühne: Nach einem Studium an der renommierten Julliard Musikschule in New York wollte sie in Philadelphia ihre Ausbildung am Curtis Institute Of Music abschliessen, wurde jedoch nicht zugelassen. Dies blieb übrigens bis heute für sie eine Kränkung, was ein Ausspruch bei einem ausverkauften Konzert auf ihrer letzten US-Tour 2000 in Philadelphia beweist, als sie sagte: "Wo ist eigentlich das Curtis Institut heute? Ich bin immer noch hier!"

So musste sie, um zu überleben, Klavierstunden geben und bewarb sich für den Sommer bei einem Club im Urlaubsort Atlantic City, aber der Clubbesitzer verlangte von ihr, dass sie nicht nur Klavier spielte, sondern auch sang. Das war die Geburtsstunde der Nina Simone, denn nicht nur war sie von da an sowohl Vokalistin als auch Pianistin, sondern anstelle von Eunice Waymon nannte sie sich Nina (kleines Mädchen auf spanisch, ein Kosenamen ihres damaligen Freundes) und Simone nach dem Vornamen der französischen Schauspielerin Simone Signoret.
Ihre völlig individuelle Mischung aus Jazz und Popstandards machte sie schnell zu einer Konzertattraktion und brachte ihr bereits 1957 einen Plattenvertrag bei dem Sublabel von King Records (der Heimat von James Brown), Bethlehem, ein, das 1958 ihr Debüt-Album Little Girl Blue vorlegte. Und sie hatte Glück: ein Discjockey aus Philadelphia namens Sid Marx war so begeistert von dem Song I Loves You Porgy aus Porgy & Bess von George Gershwin, dass er ihn pausenlos spielte und so die Firma zwang, den Titel als Single zu veröffentlichen. Das brachte Nina ihren ersten und zugleich grössten Hit in den USA ein: Platz 18.

Ihre Karriere wurde jedoch vor allem von herausragenden Alben geprägt, wobei sie von Anfang an eine geradezu unglaubliche Wandlungsfähigkeit bewies: ob Billie Holiday-Songs, Folkmaterial oder Jazz-Klassiker: ihre grosse Begabung hatte eine enorme musikalische Bandbreite. Besonders Miss Simones Live-Aufnahmen, die sie in den ersten Jahren ihrer Karriere vorlegte, weil diese ihre Intensität und eine ganz besondere Athmosphäre einfingen,
waren von grossem Erfolg gekrönt. Weniger als Songschreiberin, sondern als Interpretin überzeugte Nina Somone, die mit ihrer ausgezeichneten Technik und ihrer herausragenden Fähigkeit, Titel von so unterschiedlichen Autoren wie Rodgers/Hammerstein, Duke Ellington, Jimmy Webb, Jacques Brel und Barry & Maurice Gibb zu ihren eigenen zu machen, überzeugte. Das zeigte sich in ihrer vielleicht produktivsten Zeit, als sie sich nicht nur ganz in den Dienst der Bürgerrechtsbewegung stellte, sondern auch für einige Jahre ihre musikalische Heimat im Soul fand. Dies brachte ihr in England sogar den ehrenvollen Namen einer "Hohepriesterin des Soul" ein!

Und dies kam nicht von ungefähr: Mit I Got No-I Got Life (1968) und To Love Somebody (1969) feierte sie auf der Insel zwei Top-Ten Hits, während sie zuhause mit ihren Eigenkomposition To Be Young, Gifted And Black und Goddam Mississippi sowie Sunday In Savannah, grosse Erfolge hatte. Sunday In Savannah hatte sie erstmals in einem Konzert am Abend nach der Ermordung von Martin Luther King gesungen und ihrer Trauer und Wut musikalisch Ausdruck verliehen. Diese bedeutende Liveaufnahme spricht für sich selbst!

Ein Beispiel für Nina Simones grosses Talent und ihre Vielseitigkeit zeigt das Material, das sie für RCA einspielte: neben Country-Klassikern wie Mr. Bojangles und Pophits wie Here Comes The Sun oder Angel Of The Morning bildeten Blues, Jazz und Soul das Schwergewicht ihres Repertoires. Dank eines Chanel-Werbespots, der My Baby Just Cares For Me im Jahre 1987 als Hintergrundmusik für den Spot verwendete, landete Nina Simone 30 Jahre nach der Originalaufnahme einen Welthit. Dies war übrigens nicht die einzige Quelle, aus der sich eine Renaissance in den letzten zehn Jahren speiste: 1993 kam der Film Point Of No Return mit Bridget Fonda in der Hauptrolle mit einem Soundtrack in die Kinos, der hauptsächlich aus Musik von Nina Simone bestand und zudem auch eng an ihre Persönlichkeit angelehnt war.

Wer wie Nina Simone sämtliche musikalischen Stilarten perfekt vereinigt, benötigt keine Hitparadennotierungen! Und 40 Jahre konstanter hoher Qualität füllt die Konzertsäle und nicht der eingangs angesprochene "goldene" Weg des Showbusiness! Die eigenständige Künstlerpersönlichkeit ist, was überzeugt. Dies beweist unter anderem die vorliegende CD mit den besten Titeln aus ihren Jahren bei RCA 1966-71, die neben ihren grossen Hits dieser Jahre vor allem die Individualistin Nina Simone vorstellt, die bis heute unverwechselbar und - ohne sich festlegen zu lassen - eine der herausragenden Stilistinnen der Popmusik geblieben ist!
Text: Martin Reichold

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