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Biographie

Warum sollte sich eine Künstlerin nach annähernd dreißig Jahren wieder neu erfinden? Weil sie mit dem bisherigen Weg nicht zufrieden war? Mag sein, dass das ein Grund sein kann. Bei Nicole war er es allerdings nicht. Sie tut es gerade weil sie so zufrieden ist mit dem bisher Erreichten. Denn das besteht nicht nur aus Hits en masse, aus einem Grand-Prix-Triumph, Gold- und Platinauszeichnungen und einem ansonsten völlig unspektakulären, für Branchenverhältnissen geradezu atypisch geradlinigen Privatleben, sondern auch aus der Motivation ihre Persönlichkeit immer wieder neu zu definieren. Das mag nicht immer einfach sein, aber der leichte Weg war für sie niemals automatisch der richtige.

Was auch immer Nicole macht, sie tut es ganz. Gibt dabei alles und glaubt ganz fest an sich und an den Rückhalt ihrer Fans. Der ist tausendfach erprobt. Als eine von wenigen Künstlerinnen Deutschlands kann sie stolz behaupten, dass die Menschen mit ihr gewachsen sind und dass sie die Entwicklung vom Mädchen mit der weißen Gitarre zur eigenständigen Künstlerin mit voller Zuneigung begleitet haben. Würde sie still stehen, wäre sie nicht Nicole.

Das Album 2008 heißt "Mitten ins Herz". Und da geht es auch hin mit allen 13 Songs, die so intensiv, kraftvoll und atmosphärisch eingesungen sind wie noch nie zuvor. Mit ihren Mitstreitern und "Musketieren" Giorgio, Martin, Suna und Gabi Koppehele sowie Armin Pertl hat sie sich wieder in das Abenteuer Musik gestürzt und etwas Neues geschaffen - etwas, das den Zeitgeist trifft und trotzdem zeitlos sein wird. Rhythmisch, voller Poesie und Erotik und von außergewöhnlichen Arrangements getragen, das sind die Songs von Nicole. Und alles zusammen findet sich auch in der ersten Single daraus, die genauso heißt wie das Album: "Mitten ins Herz".

Bitte beachten Sie das nachfolgende Interview zum Album "Mitten ins Herz".

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Liebe Nicole, das Album "Mitten ins Herz" ist das vierte Album im neuen Team. Wie sieht die Zwischenbilanz aus?
Äußerst positiv. Wir haben inklusive dem Weihnachtsalbum vier wirklich tolle Alben hingekriegt, so wie ich mir das immer vorgestellt habe. Das alles kann mir keiner mehr nehmen! Mit "Alles fließt" ist damals, 2005, künstlerisch ein neuer Horizont aufgegangen - erst das Album, dann der DVD-Dreh in Kuba mit wunderschönen Motiven und Erlebnissen. Das ist einfach eine Arbeit auf internationalem Niveau. Dann hatten wir mit "Begleite mich" ein tolles Folgealbum, das sehr erfolgreich war, und schließlich "Christmas Songs", mein Winter- und Weihnachtsalbum, weniger traditionell, aber dafür modern und innovativ. Und jetzt kommt eben "Mitten ins Herz", mein viertes Album mit Giorgio und Martin Koppehele und Armin Pertl.

Wie kann man sich Eure Arbeitsweise vorstellen?
Am Anfang stehen die Ideen: Wie werden die Songs heißen? Worüber möchte ich singen? Was sind Themen, die die Menschen bewegen? Armin und ich tauschen uns also aus. Dann sind ein paar Tage Sendepause, in denen jeder in sich geht und grübelt. Dann werden Zeilen ausgetauscht, Faxe und E-Mails gehen hin und her. Wir spielen uns also die Bälle zu, greifen Anregungen voneinander auf und ändern, was geändert werden muss. Unsere Gedanken teilen wir natürlich auch Martin und Giorgio mit, die parallel zu unserer Textarbeit auch die Melodien entwickeln. Es ist eine wunderbare Art zu arbeiten.

Und mit den neuen Songs gibt es jetzt auch eine "ganz neue Nicole"?
Ich denke, man sollte keine Riesensprünge von Album zu Album erwarten, denn die wollen wir gar nicht. Sie wären auch unklug. Wie sollen die Menschen da mitkommen!? Aber wenn man sich meine Entwicklung betrachtet in den letzten 27 Jahren, dann stellt man wohl unweigerlich Veränderungen fest, auch in den Texten. Das ist auch gut so. Wie hätte ich schon, als ich 17 war, über zerbrochene Beziehungen singen sollen. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem du merkst: Jetzt musst du aufbrechen. Bei mir war das aber auch schon früher so, zum Beispiel 1998 mit dem Album "Abrakadabra". Da haben wir Einiges gewagt, uns weit über die sonstigen Schlager-Grenzen hinaus getraut (Das Album behandelte unter anderem die Themen Gewalt in der Ehe, Homosexualität und Drogenabhängigkeit). Nicht alle Redakteure waren damit einverstanden, aber was mich bestärkt hat, war die Reaktion der Menschen. Da gab es Leute, die nach Auftritten zu mir kamen und nur sagten: "Danke für dieses Lied!" Und das war's schon wert.

Wie kann man nun das neue Album "Mitten ins Herz" charakterisieren?
"Mitten ins Herz" klingt erstmal brav und harmlos, aber das Cover zeigt schon, dass da noch viel mehr Spielraum ist und dass hierin auch viel subtile Erotik versteckt liegt. Es sind ein paar sehr kommerzielle Nummern drauf, für die uns der Rundfunk eigentlich lieben müsste, zum Beispiel die erste Single "Mitten ins Herz", dann "Liebe im Überfluss", "Wunderbar" oder "Nass bis auf die Haut". Die sind sehr eingängig und haben sehr positive, knisternde und trotzdem anspruchsvolle Texte. Das widerspricht sich nämlich überhaupt nicht. Bei "Ich schwöre" horcht man sicherlich auf, zum Einen aufgrund des gewaltigen Fanchors und zum Anderen weil es so ein klares Statement ist. "Bittersüß" ist die unkonventionelle Geschichte einer Frau, die ein Verhältnis hat und die hofft, dass der Mond es für sich behält. Denn der ist der einzige, der sie sehen kann. "Mich hält nichts mehr hier" lebt von seiner Aufbruchstimmung, das Lied reißt mit. "Ich will mein Leben zurück" steht in gewisser Weise auch für den Aufbruch und Neuanfang, aber jetzt eben den Neuanfang allein. Es kommt durch den Sprechgesang ein neuer Akzent ins Album. Da haben wir ein bisschen rumexperimentiert und ich glaube, das ist uns sehr gut gelungen. Naja und die Schlussnummer "Don't Let The Sun Go Down On Me", das Duett mit Chris Thompson, ist wohl eine amtliche Ansage: Es kann jetzt nix mehr kommen. Denn dieser Song lässt sich nicht toppen. Und dann gibt's doch noch 'ne Überraschung, darum würde ich jedem Hörer empfehlen den CD-Player nicht sofort auszuschalten.

Und gibt's Favoriten unter den Songs?
"Don't Let The Sun Go Down On Me" ist schon ein unglaubliches Erlebnis. Eigentlich ist das mein Favorit. Allerdings ist auch "Setz mit mir die Segel" ein Lieblingslied. Er handelt auch vom Aufbrechen zu neuen Ufern.

So viel Aufbruchstimmung?
Ja! Die Akkus sind aufgeladen, mich hält nichts mehr auf! Wir haben ganz entspannt und ohne Druck an diesem Album gearbeitet und ich glaube, das hört man. Ich hatte mir über ein Jahr Auszeit vom Job genommen, um mich selbst mal wieder zu spüren und außerdem für die Familie dazusein.

Apropos Familie: Wie geht's eigentlich deinen Töchtern?
Sehr gut! Joëlle ist seit dem Sommer auf dem Gymnasium. Marie-Claire hat eben ihr Examen zur Logopädin mit 1,6 bestanden. Sie steht schon mitten im Beruf und lebt ihr eigenes Leben. Ihr Zimmer bleibt aber natürlich so wie es war.

Nochmal zurück zum Album "Mitten ins Herz": Wie kamt ihr denn auf Chris Thompson als Duettpartner?
Das war eine Idee von Armin Pertl. Die Beiden kennen sich noch aus früheren Münchener Zeiten, als sie in der Singer/Songwriter-Szene unterwegs waren. Ich wollte "Don't Let The Sun Go Down On Me" jedenfalls immer schon singen, weil ich finde, es ist ein Riesen-Lied! Und Chris ist ein Weltstar. Es ist toll, dass zwei so unterschiedliche Stimmen so gut harmonieren. Wir haben übrigens auch eine deutsche Version probiert, aber die kannst du auf gut deutsch gesagt in die Tonne treten. Das Lied muss ein Original bleiben.

"Ich schwöre" wurde in Saarlouis mit Riesen-Fanchor aufgenommen. Was war das für ein Gefühl?
Das war klasse - und genau so wie ich's mir vorgestellt habe! Mir gefällt das Bild von der unnahbaren Künstlerin mit großem Graben zwischen ihr und dem Publikum nicht. So sehe ich mich auch nicht, ich will die Gemeinschaft! Ich mag's auch nicht, wenn die Leute weit weg von der Bühne sind. Das Schöne am Live-Auftritt ist doch die unmittelbare Reaktion! Und die hatten wir in Saarlouis.

Die Idee war ja auch toll und die Reaktionen haben gezeigt, wie begeistert die Fans waren. Überhaupt stellst du dich mit neuem Team immer mehr als Vorreiterin für innovative Ideen heraus. Ist das Musikgeschäft dir in seiner "Normalform" zu langweilig?
Ehrlich gesagt: Ja. Ich hab immer versucht mich neu zu orientieren. Ich führe seit 27 Jahren meinen Kampf gegen die berühmte "Schublade". Ich liebe "Ein bisschen Frieden" ohne Ende, aber ich muss doch auch mal was Neues machen. Ich brauche Lebendigkeit! Und ich möchte nicht nur den Tag lebendig gestalten, sondern ich möchte mein ganzes Leben lebendig gestalten! Da gehört meine Musik dazu, die sich wandeln darf und soll. Am Ende des Tages ist es schließlich nur eine Person, die ihren Kopf hinhält und die die Leute im Zweifelsfall sogar mit Tomaten beschmeißen könnten, wenn sie es wollten, und diese Person bin ich. Darum möchte ich mich nicht bevormunden lassen. Dafür stehe ich aber auch gerade für das, was ich bin.

Warum sieht man dich ansonsten im Moment so wenig live?
Weil ich ein Jahr für mich haben wollte. Da gab's auch nur wenige Ausnahmen wie Benefiz-Shows. Und natürlich die Abschiedsgala für Dieter Thomas Heck.

Dein Auftritt dort hat jetzt schon etwas Legendäres. Er war unsagbar berührend. Gab es danach Reaktionen?
Ja, und es waren so viele, dass ich irgendwann aufhören musste sie zu zählen. Ich wusste schon, als ich von der Sendung ein halbes Jahr vorher erfahren habe, dass das ein historischer Abend werden würde, denn da ist eine Ära zu Ende gegangen. Es war ein unglaublich intensiver Tag.

Seit Beginn deiner Karriere hältst du deine Messlatte für Erfolg wahnsinnig hoch. Gab es da keine Momente des Zweifelns oder der Angst vor der Unerfüllbarkeit der Erwartungen?
Natürlich gab's die und die gibt's immer noch. Mein Gott, wenn man alles vorher wüsste, wär dieses Leben einfacher - aber auch langweiliger. Hinterher zu sagen: "Ich hab's gewusst" ist einfach. Aber die Zukunft ist doch viel reizvoller. Mir fehlen die Mutvollen, die Abenteurer, die Visionäre. Ich würde gerne einer von ihnen sein.

Das Interview führte Tobias Reitz

01/2008

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