Weiter zum Main Content

Biographie

Der ewige Sommer
429 Kilometer, behaupten die, die sich in ihrem Weltbild auf die Wissenschaft verlassen, liege die Stadt Zürich vom Meer entfernt. Das ist, wenn man es genau bedenkt, eine ganze Menge. Doch wer sich beim Reisen ob im Flugzeug oder in Gedanken lieber auf den Kilometerzähler seines Gefühls verlässt, der weiss natürlich schon lange, dass die Distanz zum Meer grundsätzlich relativ ist und mit der geografischen Lage meist gar nichts zu tun hat.
Zumindest im Fall von Zürich kann es seit dem 15. Juli 2007 keinen Zweifel mehr geben, dass die Distanz zum Meer, diesem Sehnsuchtsort schlechthin, überdacht werden muss. Und dass das für einmal nicht mit der Klimaerwärmung zusammen hängt, sondern vor allem damit zu tun hat, dass an diesem Tag eine bisher unbekannte junge Sängerin namens Lea Lu in einer Strandbar am Zürichsee ihr erstes Konzert gegeben hat, das kann jeder bezeugen, der das Glück hatte dabei zu sein.
Am Morgen regnete es noch, den ganzen Tag über war es kühl und auch am Abend zeigte sich das Wetter nicht ausgesprochen südlich. Doch nur schon der Name der jungen Frau hörte sich an wie eine malerische Südseeinsel, auf der man sofort wünschte zum Schiffbrüchigen auf Lebenszeit zu werden.
Und als Lea Lu dann, barfuss und mit der Gitarre unterm Arm, zu singen begann, war es eigentlich nur noch eine Sache von Minuten bis Sonne, Salz und azurblaues Wasser uns um ein paar hundert Kilometer näher gerückt waren. Die NZZ am Sonntag schrieb nach dem Konzert: "Lea Lu's Musik höre sich an, wie sich barfuss am Strand entlanggehen anfühlt".
Dass die Sängerin Lea Lu früher oder später auf die Idee verfallen würde, den Gegensatz von Norden und Süden abzuschaffen, hätte man ahnen können. Geboren 1984, aufgewachsen in Zürich, hat sie sowohl polnische, als auch spanische und französische Wurzeln. Der Hang zur Musik stammt vom Vater. Er schleppte die Tochter schon als Vierjährige in die Tonhalle, was nicht ohne Folgen blieb.
Mit fünf beginnt Lea Geige zu spielen, später bringt sie sich Gesang, Klavier- und Gitarre bei. Im Gymnasium wird sie Leadsängerin einer Band, die es bis zu einem Auftritt ans Jazzfestival nach Montreux schafft. Lea ist da gerade mal 18 Jahre alt.
Dass es schwer werden würde, ihr die Musikkarriere ausreden zu wollen, musste die Familie schon einsehen, als die vierjährige Lea verkündete, was sie einmal werden wolle: Ehefrau von Elvis. Der Rest der Welt brauchte etwas länger, um zu begreifen, dass Lea zum Musikmachen geboren war.
Statt auf der Bühne posierte sie nach der Matura erst einmal hinter Glacé-Verkaufsständen und an für Nachwuchsmusikerinnen ähnlich aussichtsreichen Posten. Das Geld, das sie damit verdiente, steckte sie in eine neue Gitarre und ein Mikrofon wie es die Profis hatten. Oder sie langweilte sich in Psychologie-Vorlesungen an der Uni. Immerhin: Die Fachwelt zeigte sich lernfähig was Lea's wahre Berufung betraf.
Das erste Mal hiess es noch, sie sei vielleicht doch ein bisschen zu sehr "Pop" und man liess sie durchrasseln. Doch ein Jahr später, als sie die Aufnahmeprüfung zur Jazzschule in Luzern zum zweiten Mal in Angriff nahm, bestand sie nicht nur mit Bravour, sondern musste sich von der Jury auch noch die Frage anhören, warum sie hier nicht schon lange aufgetaucht sei.
Und jetzt, drei Jahre später also ihr CD-Erstling "Dots and Lines", womit das Genre des Pop um eine spannende Interpretation bereichert wäre. Wie schon bei ihren vor zwei Jahren auf dem Internet erschienenen Songs geht es, wie bei allen guten Popsongs, auch bei den Tracks auf "Dots and Lines" um alles oder nichts, also um angebrochene Herzen und andere lebensgefährliche Blessuren - aber das ausnahmslos auf die angenehmste Weise.
Verträumtheit, Leichtfüssigkeit und Wehmut bestimmen den Ton. Stilistische Querbezüge führen zu amerikanischen Singer-Songwriterinnen wie Leslie Feist oder Norah Jones, mit denen Lea Lu die feine Melancholie der Stimme teilt, oder zur Experimentierlust und dem leisen Humor der französischen Chanteuse Camille. Aber klimatologisch betrachtet am nächsten liegt Lea Lu wohl der Klang-und Gefühlswelt des Musikers und Surfers Jack Johnson.
Lea Lu sieht, so erklärt sie, alle Töne in Farben. Bevor ein Lied ein Lied ist, ist da ein Gemälde. Mit Zahlen geht es ihr genau so. Mögen die Geografen recht haben mit ihren 429 Kilometern bis zum Meer. In der Welt von Lea Lu verwandelt sich 429 in nichts als orange, hellblau und violettpink. Kein Wunder hat sich die Sehnsucht nach dem Sommer für immer, nach der ewigen Liebe, noch selten schöner angehört.

Newsletter