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Biographie

Eine neue Stimme: Als Annett Louisan mit ihrem ersten Album "Bohème" die Szene betrat, war es zunächst der Sound, der kitzelte. Schon ein Vorteil, denn bekanntlich gibt es keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Doch der eigentliche Sog folgte schnell, die Musik umhüllte Texte, die stets überraschten, provozierten und überzeugten, dass viele glaubten, so könne nur eine Künstlerin klingen, die schlicht und im besten Sinne ergreifend ihr Tagebuch dem geneigten Hörer zur Begutachtung überreichte.

Annett Louisans zweites Album "Unausgesprochen" pirscht zunächst leise und knüpft scheinbar nahtlos an das Debüt an. Schnell wollte sie es dem gefeierten Erstling folgen lassen, die neuen Lieder waren zu einem grossen Teil schon während der Tournee 2004 entstanden, manche schon vor Publikum präsentiert und ausprobiert.

Diese Energie sollte auch für die neuen Kompositionen genutzt werden, als die Reaktionen der Zuhörer und die Impulse aus dem Auftritten noch frisch und lebendig wirkten. Grosse Hallen und breite Bühnen, die Annetts Stimme mühelos ausfüllte: Auch das eine kleine Überraschung nach dem Senkrechtstart. Standing Ovations und Begeisterung für eine Künstlerin, die eben nicht ein blosses "Song-Wunder" war, sondern eine Performerin mit Charisma. Das hatte nicht jeder erwartet, vielleicht nicht mal alle ihre Fans.

Im Sommer 2005 ging es in die Hamburger Peer Studios, und nach nur vier Wochen war das neue Album in groben Zügen aufgenommen. Klare Peilung, sehr genaue Vorstellung von dem, was werden sollte, beflügelte die Arbeit: Annett Louisan und ihr Texter/Produzent Frank Ramond sind inzwischen ein eingespieltes Kreativ-Team. Dennoch legten sie ein verblüffendes Tempo vor, angesichts der musikalischen Grenzerweiterungen.

Samba, Tango und Walzer, Cooles, Chanson, Musette: Schon die gewachsene Stilvielfalt der Kompositionen reflektiert, dass Annett Louisan mit "Unausgesprochen" ein paar neue Pfade kultivieren wollte. Eigene musikalische Vorlieben wie Jazz verarbeitet sie jetzt viel mehr, probiert ungewohnte Arrangements und rhythmische Strukturen aus, wie eben auch die Texte ganz anderes anbieten als zuvor. Intensiver noch als auf "Bohème" spielt, entdeckt, seziert sie die Worte von Frank Ramond, lässt die Musik förmlich in die Texte fliessen, dass die Situationen und Figuren der Chanson-Geschichten scharf konturiert erstehen. Manchmal ("Widder wider Willen") erinnert ihre lässige Prägnanz an Charles Aznavour, es kommt nicht von ungefähr, das klassische Chanson ist die zweite grosse Liebe von Annett Louisan.

Andere Situationen, andere Blickwinkel: Das Spiel wird zum raffinierten Rollenspiel, erfindungsreich und voller Nuancen. Die Stimme macht's auch hier: Ausdrucksvoll wie die einer Theaterschauspielerin, dennoch nicht bühnentechnisch routiniert. Denn Annett Louisan tut etwas weit charmanteres: Sie "erzählt" die Lieder. Nicht "ihre" Geschichte, aber jede Menge eigene Geschichten.

"Chancenlos 16" ist eine dieser Studien, über ein Mädchen voller Liebe, aber ohne Glück. Präzise gezeichnet, ein wenig bitter, doch mit Sympathie, eine makellose Miniatur aus dem banal-bösen Teen-Leben, nicht ohne Hoffnung. Denn "Das Leben spielt auf Zeit, bis es gewinnt / grad wenn du brüllst und schreist, stellt es sich blind". Oder die prototypische, bestgehasste, überdrehte Freundin "Eve": Angetan und ausgefüllt mit einer ganzen Kollektion von Eigenschaften, aber nur wenig mehr dahinter. Hier geht's schon etwas sarkastischer zur Sache, der milde Blick verfinstert sich zur ätzenden Satire, distanziert und scharf geschossen. Ambivalente Gefühle: "Sie ist ... geschickt und effektiv / ich hasse sie abgrundtief", das Leben ist nicht einfach, dafür oft widersprüchlich und paradox.

Wie bei der giftigen Song-Begegnung mit einem penetranten "Torsten Schmidt" im Hinterkopf: Wenn man einfach nicht miteinander "kann", weil da eine kranke Erinnerung mitschwingt, eigentlich absurd, dennoch ungeheuer lebendig, ein klitzekleiner Horrorfilm, der im zentralen Gedanken-Kino läuft. Verpackt in einen entspannten Train-Beat Rhythmus, garniert mit Akkordeon und Dobro, wird der zwischenmenschliche Schrecken locker ironisiert. "Es ist ein Spiel mit den eigenen Schwächen", sagt Annett Louisan über ihre neuen Lieder, "auch mit den unangenehmen Dingen. Gerade, wenn etwas schief geht, ist es meist besser, es direkt auszusprechen und sich ein wenig darüber lustig zu machen."

Ganz anders dagegen "Wo ist das Problem?": Klarinette, Kontrabass, Piano, Tango-Noblesse mit minimalen Gesten, verrauchtes Tanz-Café. Und man wird Zeuge einer intimen Beziehungs-Tristesse, in der eine Frau so intensiv die Untreue ihres Partners imaginiert, bis sie schliesslich wahr wird. Eine Momentaufnahme, eine typische Lebenssituation in kurzen Zeilen. "Unausgesprochen": Wie ein roter Faden zieht sich dieses Thema der verdrehten und widersprüchlichen Gedanken durch das Album - Gedanken, die keiner ausspricht, die aber dennoch das Handeln lenken. "Wo ist das Problem?" ist eines der Lieder (diesmal sind es mehr als auf "Bohème"), bei denen Annett Louisan als Co-Texterin mitwirkte. "Es die perfekte Mischung aus Franks und meinen Worten, die wirkt. Er ist rationaler, ich bin viel emotionaler, das ergänzt sich", erklärt sie. Ganz besonders effizient in einem Stück wie der "Lösung", das die vielleicht markanteste Schnittstelle der Veränderung vom ersten zum zweiten Album geworden ist.

"Dabei habe ich die Erfahrung gemacht", erzählt Annett Louisan, "dass unsere Fantasien viel schöner und nachhaltiger wirken, je mehr ich mich als Person zurücknehme. Ich lasse den Menschen ihre eigenen Dinge, die sie in ihrem Kopf haben. Dadurch behalten die Lieder ihr Geheimnis." Was dennoch in den neuen Liedern ein Stück Louisan ist, mag sich jeder selbst ausmalen. Vielleicht "Ich werd' zur Schlange, wenn man an mir zieht" (aus dem "Widder")? Oder die lustvolle Selbstquälerei, "Geh' mir weg mit deiner Lösung, sie wär' der Tod für mein Problem" ("Die Lösung")? Die Ironie, mit der Annett Louisan so gern jongliert, verlangt eben diese Distanz. Ein eleganter Drahtseilakt mit entsprechendem Mut zum Risiko, denn wo die Gesten sparsam werden, zählt jede Bewegung doppelt. "Ich mag es total, mit schweren Wörtern leicht umzugehen", sagt Annett Louisan. Schon wieder paradox? Nur auf den ersten Blick. Denn leicht sieht alles aus, das gelingt.

2005

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