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Biographie

Adrian Stern - Herz

Was ist es also, das Geheimnis einer Liebesbeziehung? Was rettet und hält uns paarweise
zusammen, wenn erste Gewohnheiten letzte Verliebtheiten ablösen? Fragen wie diese zielen
mitten hinein in Adrian Sterns neue CD ?Herz", mitten hinein in den ganz normalen
Beziehungswahnsinn. Der Titel ist gewollt und Konzept. Songschreiber Stern übernimmt die
Aufgabe, unsere Liebeswirren in zwölf Liedern wahrheits- und detailgetreu auszuloten. Ein
mutiges Unterfangen, denn oft wollen wir nicht so genau hören, was wir fühlen. Ohnehin nicht in
Mundart, da besteht die Gefahr, dass wir am Ende sogar noch verstehen könnten, was wir
fühlen.
Wie Adrian Stern dieses Unterfangen musikalisch angeht, ist dann umso überraschender. So
sparsam die CD instrumentiert und arrangiert ist, so unwiderstehlich und locker grooven die
Songs los, und der verschmitzte Humor in den Texten spiegelt sich in den eingängigen Melodien
von Adrian Sterns Ohrwürmer. Selbst bei den vielschichtigeren Themen, aus jener Phase
zwischen letzten Partysüchten und ersten Zeugungsabsichten, in die jede ernsthafte Beziehung
mal rasselt. Adrian Stern weiss etliche Lieder darüber zu schreiben. In Amerika etwa, will er
abhauen, mit ihr, und im gelobten Land neu anfangen. Um Surfprofi zu werden, oder Filmstar
gar? Mitnichten, dort will er mit ihr zusammen ein Haus bauen, Kinder machen und alt und
schrumplig werden.
Das ist fast überraschender so, und irgendwie schweizerischer.
So sind wir wohl, und so ist Adrian Stern. Zumindest dieses eine Lied lang, in dem er zwar farbig
vom grossen Aufbruch träumt, sich diesen aber höchstens schwarzweiss ausmalt. Vom Spagat
zwischen Träumen und Realitäten im Leben und in der Liebe weiss Songschreiber Stern weitere
Lieder zu schreiben. Zum Beispiel im potentiellen Hit Superman: Noch immer lässt sie ihn sich
fühlen wie Superman und Spiderman zusammen, doch Sterns Erfahrungen nähren den
Verdacht, dass ein anderer bei seiner Angebeteten ganz ähnliche Gefühle weckt und es vielleicht
Zeit wäre für ein neues Rendez-Vous. Dort läuft dann im Hintergrund eben dieses gewitztverschmitzte
Superman, das so ansteckend groovt, wie Prince einst geküsst hat.
Auch ein anderer Song von "Herz" wird die Charts anpeilen, der heisst nämlich schon ein
bisschen so: Nr. 1. Gemeint ist damit natürlich nicht die Hitparade, sondern die Frau im Lied, die
Songschreiber Stern hier sogar sprachlos macht, zum Glück aber erst, als diese Liebeshymne
schon gesungen ist und beide nur noch "Ja" sagen müssten. So hat jeder, der bald heiratet,
plötzlich die Qual der Wahl, wenn er dann zur Tat in die Kirche schreitet: Soll er dort - wie seit
Jahren geplant - "Ewigi Liebi" in den CD-Player legen ... oder jetzt doch eher dieses neue,
unverschämt charmante Nr. 1 ...?!
Nr.1, muss man wissen, ist wie gemacht für Hochzeiten in der Kirche oder verrückte
Liebeserklärungen auf Roll- oder Sprungbrettern, auf Hochseilen oder Tiefladern oder ... zuhause
in der Küche. Denn egal aus welcher Tonquelle, egal in welcher Umgebung: "Herz" geht direkt ins
Herz. Die Songs sind schlank produziert, auf das Maximum reduziert, sozusagen. Ein Resultat von
Sterns kürzlicher Solo-Akustiktour. Auch die Studiomusiker haben sich aufs Wesentliche
beschränkt. Thomas Fessler spielt den Bass melodiös und songdienlich, Simon Kistler grundiert
und punktiert mit federnden Grooves, während Gitarrist Roller Frei sphärische Kontrapunkte zu
Sterns Gitarre setzt. Dessen Texte fliessen ohne Strudel auch über delikatere Klippen, ebenso
relaxed gesungen, wie begleitet. Stetig überwacht von Erfolgsproduzent Roman Camenzind, der
hier zeigt, dass weniger mehr sein kann und bei ihm lässig das Gegenteil von nachlässig ist.
Und Adrian Stern selbst? Steht er auch schon auf der Schwelle zur Kirche oder hält er draussen
nur Reiskörner bereit? Wohl eher letzteres, denn einer, der farbig träumt, aber schwarzweiss
denkt, kommt schnell ins Grübeln. Und fragt sich im Lied Au eso, ob es anders besser wäre, oder
nur anders, das eine Bein schon ausgestreckt zum Seitensprung. Genau! möchten wir ihm
zurufen, wie so oft bei diesem Album, uns geht es doch genau au eso! Wir nehmen übrigens an,
Stern zieht das Bein wieder zurück, weil er sich im nächsten Lied ans letzte Mal erinnert, als er
sich aus den Kollateralschäden einer Beziehung hat aufrappeln müssen, einen Schritt nach dem
andern: Zrugg zu mir. Es scheint, Adrian Stern verbeuge sich hier vor jenem, der dem Blues
schon länger einen halben Schritt voruus ist.
Dann wechselt Songschreiber Stern für weitere Herzgeschichten die Geschlechterseite, erzählt
von ihr, die plötzlich merkt, dass ihr Haus schon ein bisschen gross ist, um immer so leer zu sein
(Wänn du wotsch, dass ich bliibe) Dann wieder von ihm, der auf ein Wunder im Poschtiigang
wartet, wochenlang und jedesmal, wenn er an sie denkt. Oder von jenen beiden, die sich immer
nur am 23. Dezämber etwas weniger fremd sind. Adrian Stern tut das unprätentiös, ohne
Berner Dialektbonus, aber mit einem gerüttelten Mass Musikerqualitäten. Adrian Stern ist ja vor
allem Gitarrist, vor lauter Mikrophon-Charme geht das gelegentlich vergessen. In "Herz" kommen
nun all seine lang erprobten, längst bewiesene und neu gewonnenen Qualitäten zusammen.
Adrian Sterns vierte Platte ist seine entspannteste CD, ohrwurmig und mit möglichen Hits
gespickt, ein Mundart-Album mit Anspruch, das aber trotzdem charmant daherkommt. Und so
leicht wie eine Sommerbrise, wie sie uns hierzulande viel zu selten erfrischt.

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